(Kiel) Der Bun­des­fi­nanz­hof (BFH) zwei­felt an der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit von Nach­zah­lungs­zin­sen für Ver­zin­sungs­zeit­räu­me ab dem Jahr 2015.

Dar­auf ver­weist der Kie­ler Steu­er­be­ra­ter Jörg Pas­sau, Vize­prä­si­dent und geschäfts­füh­ren­des Vor­stands­mit­glied des DUV Deut­scher Unter­neh­mens­steu­er Ver­band e. V. mit Sitz in Kiel unter Hin­weis auf die Pres­se­mit­te­lung des BFH vom 14.05.2018.

Er hat daher mit Beschluss vom 25. April 2018 – Az. IX B 2118 — in einem sum­ma­ri­schen Ver­fah­ren Aus­set­zung der Voll­zie­hung (AdV) gewährt. Die Ent­schei­dung ist zu §§ 233a, 238 der Abga­ben­ord­nung (AO) ergan­gen. Danach betra­gen die Zin­sen für jeden Monat ein­halb Pro­zent einer nach­zu­zah­len­den oder zu erstat­ten­den Steu­er. Allein bei der steu­er­li­chen Betriebs­prü­fung ver­ein­nahm­te der Fis­kus im Bereich der Zin­sen nach § 233a AO in den letz­ten Jah­ren mehr als 2 Mrd €.

Im Streit­fall setz­te das Finanz­amt (FA) die von den Antrag­stel­lern für das Jahr 2009 zu ent­rich­ten­de Ein­kom­men­steu­er zunächst auf 159.139 € fest. Im Anschluss an eine Außen­prü­fung änder­te das FA am 13. Novem­ber 2017 die Ein­kom­men­steu­er­fest­set­zung auf 2.143.939 €. Nach­zu­zah­len war eine Steu­er von 1.984.800 €. Das FA ver­lang­te zudem in dem mit der Steu­er­fest­set­zung ver­bun­de­nen Zins­be­scheid für den Zeit­raum vom 1. April 2015 bis 16. Novem­ber 2017 Nach­zah­lungs­zin­sen in Höhe von 240.831 €. Die Antrag­stel­ler begeh­ren die AdV des Zins­be­scheids, da die Höhe der Zin­sen von ein­halb Pro­zent für jeden Monat ver­fas­sungs­wid­rig sei. Das FA und das Finanz­ge­richt lehn­ten dies ab.

Dem­ge­gen­über hat der BFH dem Antrag statt­ge­ge­ben und die Voll­zie­hung des Zins­be­scheids in vol­lem Umfang aus­ge­setzt. Nach dem Beschluss des BFH bestehen im Hin­blick auf die Zins­hö­he für Ver­zin­sungs­zeit­räu­me ab dem Jahr 2015 schwer­wie­gen­de Zwei­fel an der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit von § 233a AO i.V.m. § 238 Abs. 1 Satz 1 AO. Der BFH begrün­det dies mit der rea­li­täts­fer­nen Bemes­sung des Zins­sat­zes, die den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz nach Art. 3 Abs. 1 des Grund­ge­set­zes (GG) ver­let­ze. Der gesetz­lich fest­ge­leg­te Zins­satz über­schrei­te den ange­mes­se­nen Rah­men der wirt­schaft­li­chen Rea­li­tät erheb­lich, da sich im Streit­zeit­raum ein nied­ri­ges Markt­zins­ni­veaus struk­tu­rell und nach­hal­tig ver­fes­tigt habe.

Eine sach­li­che Recht­fer­ti­gung für die gesetz­li­che Zins­hö­he bestehe bei der gebo­te­nen sum­ma­ri­schen Prü­fung nicht. Auf Grund der auf moder­ner Daten­ver­ar­bei­tungs­tech­nik gestütz­ten Auto­ma­ti­on in der Steu­er­ver­wal­tung könn­ten Erwä­gun­gen wie Prak­ti­ka­bi­li­tät und Ver­wal­tungs­ver­ein­fa­chung einer Anpas­sung der seit dem Jahr 1961 unver­än­der­ten Zins­hö­he an den jewei­li­gen Markt­zins­satz oder an den Basis­zins­satz i.S. des § 247 des Bür­ger­li­chen Gesetz­buchs nicht mehr ent­ge­gen­ste­hen. Für die Höhe des Zins­sat­zes feh­le es an einer Begrün­dung. Der Sinn und Zweck der Ver­zin­sungs­pflicht bestehe dar­in, den Nut­zungs­vor­teil wenigs­tens zum Teil abzu­schöp­fen, den der Steu­er­pflich­ti­ge dadurch erhal­te, dass er wäh­rend der Dau­er der Nich­t­ent­rich­tung über eine Geld­sum­me ver­fü­gen kön­ne. Die­ses Ziel sei wegen des struk­tu­rel­len Nied­rig­zins­ni­veaus im typi­schen Fall für den Streit­zeit­raum nicht erreich­bar und tra­ge damit die rea­li­täts­fer­ne Bemes­sung der Zins­hö­he nicht.

Es bestün­den über­dies schwer­wie­gen­de ver­fas­sungs­recht­li­che Zwei­fel, ob der Zins­satz dem aus dem Rechts­staats­prin­zip des Art. 20 Abs. 3 GG fol­gen­den Über­maß­ver­bot ent­spre­che. Die rea­li­täts­fer­ne Bemes­sung der Zins­hö­he wir­ke in Zei­ten eines struk­tu­rel­len Nied­rig­zins­ni­veaus wie ein rechts­grund­lo­ser Zuschlag auf die Steu­er­fest­set­zung.

Der Gesetz­ge­ber sei im Übri­gen von Ver­fas­sungs wegen gehal­ten zu über­prü­fen, ob die ursprüng­li­che Ent­schei­dung zu der in § 238 Abs. 1 Satz 1 AO gere­gel­ten gesetz­li­chen Höhe von Nach­zah­lungs­zin­sen auch bei dau­er­haf­ter Ver­fes­ti­gung des Nied­rig­zins­ni­veaus auf­recht­zu­er­hal­ten sei oder die Zins­hö­he her­ab­ge­setzt wer­den müs­se. Dies habe er selbst auch erkannt, aber gleich­wohl bis heu­te nichts getan, obwohl er ver­gleich­ba­re Zins­re­ge­lun­gen in der Abga­ben­ord­nung und im Han­dels­ge­setz­buch dahin gehend geän­dert habe.

Pas­sau emp­fahl, dies zu beach­ten und ggfs. steu­er­li­chen Rat in Anspruch zu neh­men, wobei er dabei u. a. auf den DUV Deut­schen Unter­neh­mens­steu­er Ver­band – www.duv-verband.de – ver­wies.

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Jörg Pas­sau
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