(Kiel) Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat durch am zwei am 04.03.2010 ver­öf­fent­lich­te Beschlüs­se ent­schie­den, dass der Min­dest­he­be­satz von 200 % für Gewer­be­steu­er ver­fas­sungs­ge­mäß ist.

Dar­auf ver­weist der der Kie­ler Steu­er­be­ra­ter Jörg Pas­sau, Vize­prä­si­dent und geschäfts­füh­ren­des Vor­stands­mit­glied des DUV Deut­scher Unter­neh­mens­steu­er Ver­band e. V. mit Sitz in Kiel unter Hin­weis auf die am 04.03.2010 ver­öf­fent­lich­ten Beschlüs­se des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (BVerfG) vom 27.01.2010, Az. 2 BvR 218504 und 2 BvR 218904 -

Seit dem 1. Janu­ar 2004 sind Gemein­den nach § 1, § 16 Abs. 4 Satz 2 GewStG ver­pflich­tet, Gewer­be­steu­ern zu  einem Min­dest­he­be­satz von 200 %  zu erhe­ben. Zuvor stand es den Gemein­den frei, jeden belie­bi­gen Hebe­satz fest­zu­set­zen und durch eine Fest­set­zung des Hebe­sat­zes auf Null von der Erhe­bung der Gewer­be­steu­er gänz­lich abzu­se­hen. 

Die Beschwer­de­füh­re­rin­nen, zwei Gemein­den in Bran­den­burg, wen­den sich mit Kom­mu­nal­ver­fas­sungs­be­schwer­den gegen die Neu­re­ge­lung. Sie wol­len wei­ter­hin die Mög­lich­keit haben, wie in der Ver­gan­gen­heit nied­ri­ge­re Hebe­sät­ze zu bestim­men oder kei­ne Gewer­be­steu­er zu erhe­ben. 

Der Zwei­te Senat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­den zurück­ge­wie­sen, betont Pas­sau. 

Der gesetz­lich vor­ge­schrie­be­ne Min­dest­he­be­satz von 200 % für die Gewer­be­steu­er ist ver­fas­sungs­kon­form. Die Neu­re­ge­lung ver­stößt nicht gegen die grund­ge­setz­lich gewähr­leis­te­te kom­mu­na­le Finanz­ho­heit und die von ihr umfass­te Hebe­satz­au­to­no­mie. Art. 28 Abs. 2 in Ver­bin­dung mit Art. 106 Abs. 6 GG gewähr­leis­ten nicht, dass den Gemein­den das Recht zur Fest­set­zung des Hebe­sat­zes der Gewer­be­steu­er ohne gesetz­li­che Ein­schrän­kun­gen ein­ge­räumt wird. Die mit dem gesetz­li­chen Min­dest­he­be­satz von 200 % ver­bun­de­ne Beschrän­kung des Hebe­satz­rechts berührt die Finanz­au­to­no­mie der Gemein­de nicht in ihrem Kern­be­reich, weil den Gemein­den ein erheb­li­cher Gestal­tung­spiel­raum erhal­ten bleibt. 

Der Ent­schei­dung lie­gen im Wesent­li­chen fol­gen­de Erwä­gun­gen zu Grun­de: 

Die Neu­re­ge­lung ist durch die Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz des Bun­des nach Art. 105 Abs. 2 in Ver­bin­dung mit Art. 72 Abs. 2 GG gedeckt. Sie ist zur Wah­rung der Rechts- und Wirt­schafts­ein­heit im gesamt­staat­li­chen Inter­es­se erfor­der­lich.

Die Vor­schrif­ten ver­sto­ßen nicht gegen die im Grund­ge­setz als Bestand­teil der all­ge­mei­nen Selbst­ver­wal­tungs­ga­ran­tie (Art. 28 Abs. 2 Satz 1 GG) gewähr­leis­te­te und kon­sti­tu­tiv durch Art. 106 Abs. 6 Satz 2 und Art. 28 Abs. 2 Satz 3 GG ver­stärk­te kom­mu­na­le Finanz­ho­heit. 

Art. 28 Abs. 2 Satz 3 und Art. 106 Abs. 6 Satz 2 GG gewähr­leis­ten nicht, dass den Gemein­den das Recht zur Fest­set­zung des Hebe­sat­zes der Gewer­be­steu­er ohne gesetz­li­che Ein­schrän­kun­gen ein­ge­räumt wird. Die gemeind­li­che Hebe­satz­au­to­no­mie ver­langt ins­be­son­de­re kei­ne unent­zieh­ba­re Befug­nis der Gemein­den, auf die Erhe­bung der Gewer­be­steu­er ganz zu ver­zich­ten. Das Grund­ge­setz fußt weder in sei­ner ursprüng­li­chen Fas­sung noch in sei­nen spä­te­ren Ände­run­gen auf einer ein­fach­ge­setz­li­chen Tra­di­ti­on unein­ge­schränk­ter Gestal­tungs­frei­heit der Gemein­den bei den Hebe­sät­zen. Mit der wett­be­werb­li­chen Funk­ti­on der Gewähr­leis­tung eines Hebe­satz­rechts kön­nen auch gesetz­li­che Bestim­mun­gen ver­ein­bar sein, die die Frei­heit des Wett­be­werbs­ver­hal­tens begren­zen, um den Wett­be­werb in gemein­wohl­ver­träg­li­chen Bah­nen zu hal­ten. Den Gemein­den ist weder eine bestimm­te Auf­kom­mens­hö­he noch die Gewer­be­steu­er als sol­che von Ver­fas­sungs wegen garan­tiert. 

Die ver­fas­sungs­recht­li­che Gewähr­leis­tung des gemeind­li­chen Hebe­satz­rechts lässt aller­dings kei­ne belie­bi­gen Ein­schrän­kun­gen zu. Der „Rah­men der Geset­ze”, an den Art. 106 Abs. 6 Satz 2 GG das Hebe­satz­recht bin­det, darf nicht belie­big eng gezo­gen wer­den. Die Finanz­ho­heit muss den Gemein­den im Kern erhal­ten blei­ben. Das Hebe­satz­recht darf nicht unver­hält­nis­mä­ßig beschränkt wer­den.

Die­sen Anfor­de­run­gen wird der gesetz­li­che Min­dest­he­be­satz von 200 % für die Gewer­be­steu­er gerecht. Die Rege­lung dient dem legi­ti­men Ziel, die Bil­dung von „Steu­er­oa­sen” zu ver­hin­dern und die Streu­ung von Gewer­be­be­trie­ben über das gan­ze Land hin­weg zu för­dern sowie der Siche­rung der ver­fas­sungs­recht­lich vor­ge­se­he­nen Gewer­be­steu­er-Umla­ge. Da die Berech­nung der Umla­ge vom Ist-Auf­kom­men der Gewer­be­steu­er abhängt, kann sich eine Gemein­de durch Fest­set­zung des Hebe­sat­zes auf Null der Abfüh­rung der Umla­ge ent­zie­hen. Die Fest­le­gung eines Min­dest­he­be­sat­zes ver­hin­dert, dass Gemein­den einen Anteil an der Ein­kom­men­steu­er erhal­ten, ohne sich an der Gegen­fi­nan­zie­rung durch die Gewer­be­steu­er­um­la­ge zu betei­li­gen. Ein Min­dest­he­be­satz von 200 % wahrt auch die Gren­zen der Zumut­bar­keit. Das Hebe­satz­recht als sol­ches bleibt den Gemein­den wei­ter erhal­ten. Bei dem maß­vol­len, weit unter dem Durch­schnitt lie­gen­den Min­dest­he­be­satz von 200 % ist es ihnen wei­ter­hin mög­lich, Stand­ort­nach­tei­le aus­zu­glei­chen und am inter­kom­mu­na­len Wett­be­werb um Gewer­be­an­sied­lun­gen teil­zu­neh­men. Ihnen bleibt ein erheb­li­cher Gestal­tungs­spiel­raum erhal­ten.

Pas­sau emp­fahl, das Urteil zu beach­ten und ggfs. steu­er­li­chen Rat in Anspruch zu neh­men, wobei er dabei u. a. auf den DUV Deut­schen Unter­neh­mens­steu­er Ver­band — www.duv-verband.de — ver­wies.

Für Rück­fra­gen steht Ihnen zur Ver­fü­gung:

Jörg Pas­sau
Steu­er­be­ra­ter
DUV Vize­prä­si­dent und
geschäfts­füh­ren­des Vor­stands­mit­glied
Pas­sau, Nie­mey­er & Col­le­gen
Walk­er­damm 1
24103 Kiel
Tel:  0431 — 974 3010
Fax: 0431 — 973 3055
Email: info@duv-verband.de
www.duv-verband.de