Pres­se­mit­tei­lung des BFH Nr. 53 vom 24. Okto­ber 2018

Bekannt­ga­be von Ver­wal­tungs­ak­ten: Wider­le­gung der Zugangs­ver­mu­tung bei Beauf­tra­gung eines pri­va­ten Post­dienst­leis­ters unter Ein­schal­tung eines Sub­un­ter­neh­mers

Urteil vom 14.6.2018 III R 2717

Die Zugangs­ver­mu­tung für die Bekannt­ga­be schrift­li­cher Ver­wal­tungs­ak­te gilt auch bei der Über­mitt­lung durch pri­va­te Post­dienst­leis­ter, wie der Bun­des­fi­nanz­hof (BFH) mit Urteil vom 14. Juni 2018 III R 2717 zu § 122 Abs. 2 Nr. 1 der Abga­ben­ord­nung (AO) ent­schie­den hat. Bei der Ein­schal­tung eines pri­va­ten Post­dienst­leis­ters, der mit einem Sub­un­ter­neh­mer tätig wird, ist aller­dings zu prü­fen, ob nach den bei den pri­va­ten Dienst­leis­tern vor­ge­se­he­nen orga­ni­sa­to­ri­schen und betrieb­li­chen Vor­keh­run­gen regel­mä­ßig von einem Zugang des zu beför­dern­den Schrift­stücks inner­halb von drei Tagen aus­ge­gan­gen wer­den kann. Damit kommt es zu einer erheb­li­chen Ein­schrän­kung der Zugangs­ver­mu­tung.

Nach § 122 Abs. 2 Nr. 1 AO gilt ein schrift­li­cher Ver­wal­tungs­akt, der durch die Post über­mit­telt wird, am drit­ten Tage nach der Auf­ga­be zur Post als bekannt­ge­ge­ben, außer wenn er nicht oder zu einem spä­te­ren Zeit­punkt zuge­gan­gen ist. Im Zwei­fel hat die Behör­de den Zugang des Ver­wal­tungs­akts und den Zeit­punkt des Zugangs nach­zu­wei­sen. Die­se in der AO gere­gel­te Zugangs­ver­mu­tung fin­det sich wort­gleich auch in ande­ren Ver­fah­rens­ord­nun­gen wie­der (z.B. § 41 Abs. 2 Satz 1 des Ver­wal­tungs­ver­fah­rens­ge­set­zes und § 37 Abs. 2 Satz 1 des Zehn­ten Buchs Sozi­al­ge­setz­buch). Die Rege­lun­gen stam­men aus einer Zeit als die Deut­sche Bun­des­post für die Beför­de­rung von Brie­fen noch das gesetz­li­che Mono­pol hat­te und man regel­mä­ßig davon aus­ge­hen konn­te, dass ein Brief nach den orga­ni­sa­to­ri­schen und betrieb­li­chen Vor­keh­run­gen der Deut­schen Post AG inner­halb von drei Tagen den Emp­fän­ger erreicht.

Im Streit­fall ging es um die Ein­hal­tung der Kla­ge­frist, die einen Monat beträgt und mit der Bekannt­ga­be der Ein­spruchs­ent­schei­dung beginnt. Auf der Ein­spruchs­ent­schei­dung vom 5. Novem­ber 2015 hat­te die beklag­te Fami­li­en­kas­se ver­merkt “abge­sandt am: 06.11.2015” (Frei­tag). Nach Aus­kunft der Fami­li­en­kas­se wur­de die ver­sand­fer­ti­ge Aus­gangs­post am Frei­tag zwi­schen 12:30 Uhr und 13:00 Uhr durch einen pri­va­ten Kurier­dienst als Sub­un­ter­neh­mer eines pri­va­ten Post­dienst­leis­ters abge­holt. Gegen die Ein­spruchs­ent­schei­dung erhob der Klä­ger am 10. Dezem­ber 2015 Kla­ge. Im Kla­ge­ver­fah­ren trug er vor, dass die Ein­spruchs­ent­schei­dung ihm erst am 12. Novem­ber 2015 zuge­gan­gen sei. Das Finanz­ge­richt (FG) wies die Kla­ge als unzu­läs­sig ab.

Dem ist der BFH nicht gefolgt. Er hob das Urteil auf und ver­wies den Rechts­streit an das FG zurück, da die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen nicht aus­reich­ten, um die Recht­zei­tig­keit der Kla­ge­er­he­bung beur­tei­len zu kön­nen. Dabei stell­te der BFH dar­auf ab, dass bei pri­va­ten Zustell­diens­ten im Rah­men der Lizen­sie­rung die Ein­hal­tung kon­kre­ter Post­lauf­zei­ten nicht geprüft wer­de. Daher müs­se ermit­telt wer­den, ob nach den bei dem pri­va­ten Dienst­leis­ter vor­ge­se­he­nen orga­ni­sa­to­ri­schen und betrieb­li­chen Vor­keh­run­gen regel­mä­ßig von einem Zugang des zu beför­dern­den Schrift­stücks inner­halb von drei Tagen aus­ge­gan­gen wer­den kön­ne. Dies gel­te ins­be­son­de­re dann, wenn neben dem im Streit­fall beauf­trag­ten pri­va­ten Zustell­dienst, der bei bun­des­wei­ten Zustel­lun­gen regel­mä­ßig nur über Ver­bund­ge­sell­schaf­ten tätig wer­de, ein wei­te­res Dienst­leis­tungs­un­ter­neh­men zwi­schen­ge­schal­tet wer­de. Inso­weit sei die Ein­schal­tung pri­va­ter Post­dienst­leis­ter bei der Fra­ge von Bedeu­tung, ob die Zugangs­ver­mu­tung als wider­legt gel­te, weil hier­durch mög­li­cher­wei­se ein län­ge­rer Post­lauf die Fol­ge sei.

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