Pres­se­mit­tei­lung des BFH Nr. 17 vom 21. März 2018

Umsatz­steu­er­recht­li­che Gleich­be­hand­lung von Phar­ma­ra­bat­ten

Urteil vom 8.2.2018 V R 4215

Rabat­te, die Phar­ma­un­ter­neh­men für die Lie­fe­rung von Arz­nei­mit­teln zu gewäh­ren haben, min­dern umsatz­steu­er­recht­lich die Steu­er­schuld der Phar­ma­un­ter­neh­men. Es kommt dabei nicht dar­auf an, ob es sich um eine Lie­fe­rung für gesetz­lich oder pri­vat kran­ken­ver­si­cher­te Per­so­nen han­delt, wie der Bun­des­fi­nanz­hof (BFH) mit Urteil vom 8. Febru­ar 2018 V R 4215 ent­schie­den hat.

Die Klä­ge­rin ist ein phar­ma­zeu­ti­sches Unter­neh­men, das Arz­nei­mit­tel her­stellt und sie steu­er­pflich­tig über Groß­händ­ler an Apo­the­ken lie­fert. Die­se geben die Arz­nei­mit­tel an gesetz­lich Kran­ken­ver­si­cher­te ab. Die Arz­nei­mit­tel wer­den an die Kran­ken­kas­sen gelie­fert und von die­sen ihren Ver­si­cher­ten zur Ver­fü­gung gestellt. Die Apo­the­ken gewäh­ren den Kran­ken­kas­sen einen Abschlag auf den Arz­nei­mit­tel­preis. Die Klä­ge­rin muss den Apo­the­ken die­sen Abschlag nach sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Vor­schrif­ten erstat­ten. Die Finanz­ver­wal­tung behan­delt den Abschlag umsatz­steu­er­recht­lich als Ent­gelt­min­de­rung. Dies führt zu einer Min­de­rung der von der Klä­ge­rin geschul­de­ten Umsatz­steu­er.

Arz­nei­mit­tel für pri­vat Kran­ken­ver­si­cher­te geben die Apo­the­ken auf­grund von Ein­zel­ver­trä­gen mit die­sen Per­so­nen ab. Das Unter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung ist dabei nicht selbst Abneh­mer der Arz­nei­mit­tel, son­dern erstat­tet die ihren Ver­si­cher­ten ent­stan­de­nen Kos­ten. Auch in die­sem Fall muss die Klä­ge­rin dem Unter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung einen Abschlag auf den Arz­nei­mit­tel­preis gewäh­ren. Dies beruht auf § 1 des Geset­zes über Rabat­te für Arz­nei­mit­tel vom 22. Dezem­ber 2010 (AMRabG). Danach haben die phar­ma­zeu­ti­schen Unter­neh­mer den Unter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung und den Trä­gern der Kos­ten in Krank­heits-, Pfle­ge- und Geburts­fäl­len nach beam­ten­recht­li­chen Vor­schrif­ten (Bei­hil­fe­trä­gern) für ver­schrei­bungs­pflich­ti­ge Arz­nei­mit­tel, deren Kos­ten die­se ganz oder teil­wei­se erstat­tet haben, nach dem Anteil der Kos­ten­tra­gung Abschlä­ge ent­spre­chend den sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Vor­schrif­ten zu gewäh­ren.

Die Klä­ge­rin macht auch für die nach § 1 AMRabG gewähr­ten Rabat­te eine Ent­gelt­min­de­rung und damit eine Min­de­rung ihrer Steu­er­schuld gel­tend. Das Finanz­amt ver­wei­ger­te sich dem ent­spre­chend einem Schrei­ben des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Finan­zen vom 14. Novem­ber 2012 (BSt­Bl I 2012, 1170, unter I.2.). Die Ent­gelt­min­de­rung auf­grund eines Rabatts set­ze eine Lie­fer­ket­te vor­aus, die zwi­schen dem Rabatt­ge­wäh­ren­den und dem Rabatt­emp­fän­ger bestehen müs­se. Die­se lie­ge nur im Fall der Rabatt­ge­wäh­rung an die gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen vor, nicht aber auch bei der Rabatt­ge­wäh­rung an die Unter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung und an Bei­hil­fe­trä­ger, da die Lie­fer­ket­te hier bei der pri­vat kran­ken­ver­si­cher­ten Per­son ende.

Im Revi­si­ons­ver­fah­ren rich­te­te der BFH ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on (EuGH) zur Aus­le­gung der Richt­li­nie 2006/112/EG des Rates vom 28. Novem­ber 2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem, das der EuGH durch das Urteil Boehrin­ger Ingel­heim Phar­ma GmbH & Co. KG vom 20. Dezem­ber 2017 C-462/16 (EU:C:2017:1006) beant­wor­te­te.

Auf der Grund­la­ge die­ses EuGH-Urteils hat jetzt der BFH ent­schie­den, dass auch die Abschlä­ge phar­ma­zeu­ti­scher Unter­neh­mer nach § 1 AMRabG die Bemes­sungs­grund­la­ge für die gelie­fer­ten Arz­nei­mit­tel min­dern. Damit kommt es zu einer Gleich­be­hand­lung bei der Rabatt­ge­wäh­rung an gesetz­li­che Kran­ken­kas­sen einer­seits und an Unter­neh­men der pri­va­ten Kran­ken­ver­si­che­rung sowie den die­sen gleich­ge­stell­ten Bei­hil­fe­trä­gern ande­rer­seits.

sie­he auch: Urteil des V. Senats vom 8.2.2018 — V R 4215 -, Pres­se­mit­tei­lung Nr. 5516 vom 17.8.2016, Beschluss (EuGH-Vor­la­ge) des V. Senats vom 22.6.2016 — V R 4215 -