(Kiel) Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat soeben ent­schie­den, dass die Ungleich­be­hand­lung von Ehe­gat­ten und ein­ge­tra­ge­nen Lebens­part­nern im Grund­er­werb­steu­er­recht ver­fas­sungs­wid­rig ist.

Dar­auf ver­weist der Kie­ler Steu­er­be­ra­ter Jörg Pas­sau, Vize­prä­si­dent und geschäfts­füh­ren­des Vor­stands­mit­glied des DUV Deut­scher Unter­neh­mens­steu­er Ver­band e. V. mit Sitz in Kiel, unter Hin­weis auf die Mit­tei­lung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts (BVerfG) vom 8.08.2012 zu sei­nem Beschluss vom 18.07.2012, Az. 1 BvL 1611.

Mit dem am 14. Dezem­ber 2010 in Kraft getre­te­nen Jah­res­steu­er­ge­setz 2010 hat der Gesetz­ge­ber die ein­ge­tra­ge­nen Lebens­part­ner den Ehe­gat­ten hin­sicht­lich sämt­li­cher für sie gel­ten­den grund­er­werb­steu­er­li­chen Befrei­un­gen gleich­ge­stellt. Die­se Neu­fas­sung des Grund­er­werb­steu­er­ge­set­zes (GrEStG) gilt jedoch nicht rück­wir­kend, son­dern ist auf Erwerbs­vor­gän­ge nach dem 13. Dezem­ber 2010 beschränkt. Für alle noch nicht bestands­kräf­ti­gen Alt­fäl­le ab Inkraft­tre­ten des Lebens­part­ner­schafts­ge­set­zes am 1. August 2001 gel­ten daher wei­ter­hin die Bestim­mun­gen des Grund­er­werb­steu­er­ge­set­zes in der Fas­sung von 1997 (GrEStG a. F.), das für ein­ge­tra­ge­ne Lebens­part­ner — anders als für Ehe­gat­ten — kei­ne Aus­nah­me von der Besteue­rung des Grund­er­werbs vor­sieht. Nach der für das Aus­gangs­ver­fah­ren maß­ge­ben­den Rege­lung des § 3 Nr. 4 GrEStG a. F. ist der Grund­stücks­er­werb durch den Ehe­gat­ten des Ver­äu­ße­rers von der Grund­er­werb­steu­er befreit. Von der Besteue­rung aus­ge­nom­men ist auch der Grund­stücks­er­werb im Rah­men der Ver­mö­gens­aus­ein­an­der­set­zung nach der Schei­dung durch den frü­he­ren Ehe­gat­ten des Ver­äu­ße­rers (§ 3 Nr. 5 GrEStG a. F.). Fer­ner sieht § 3 GrEStG a. F. — vor­wie­gend aus güter­recht­li­chen Grün­den — wei­te­re Befrei­ungs­vor­schrif­ten für Ehe­gat­ten vor.

Die Klä­ger des Aus­gangs­ver­fah­rens sind ein­ge­tra­ge­ne Lebens­part­ner und schlos­sen im Rah­men ihrer Tren­nung im Jah­re 2009 eine Aus­ein­an­der­set­zungs­ver­ein­ba­rung, mit der sie sich wech­sel­sei­tig ihre Mit­ei­gen­tums­an­tei­le an zwei jeweils zur Hälf­te in ihrem Eigen­tum ste­hen­den Immo­bi­li­en zum Zwe­cke des jewei­li­gen Allein­ei­gen­tums über­tru­gen. Ihre gegen die jeweils fest­ge­setz­te Grund­er­werb­steu­er gerich­te­ten Kla­gen führ­ten zur Vor­la­ge durch das Finanz­ge­richt, das die Vor­schrift des § 3 Nr. 4 GrEStG a. F. wegen Ver­sto­ßes gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz für ver­fas­sungs­wid­rig hält.

Der Ers­te Senat des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts hat ent­schie­den, dass § 3 Nr. 4 GrEStG a. F. sowie auch die übri­gen Befrei­ungs­vor­schrif­ten des § 3 GrEStG a. F. mit dem all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz aus Art. 3 Abs. 1 GG unver­ein­bar sind, soweit sie ein­ge­tra­ge­ne Lebens­part­ner nicht wie Ehe­gat­ten von der Grund­er­werb­steu­er befrei­en. Der Gesetz­ge­ber hat bis zum 31. Dezem­ber 2012 eine Neu­re­ge­lung für die Alt­fäl­le zu tref­fen, die die Gleich­heits­ver­stö­ße rück­wir­kend ab dem Zeit­punkt der Ein­füh­rung des Insti­tuts der ein­ge­tra­ge­nen Lebens­part­ner­schaft zum 1. August 2001 bis zum Inkraft­tre­ten des Jah­res­steu­er­ge­set­zes 2010 besei­tigt.

• Der Ent­schei­dung lie­gen im Wesent­li­chen fol­gen­de Erwä­gun­gen zugrun­de:

1. Die Ungleich­be­hand­lung von Ehe­gat­ten und ein­ge­tra­ge­nen Lebens­part­nern hin­sicht­lich der Befrei­ung von der Grund­er­werb­steu­er muss sich — neben den spe­zi­fisch steu­er­recht­li­chen Aus­prä­gun­gen des Gleich­heits­sat­zes — an stren­gen Ver­hält­nis­mä­ßig­keits­an­for­de­run­gen mes­sen las­sen, weil die Dif­fe­ren­zie­rung an die sexu­el­le Ori­en­tie­rung von Per­so­nen anknüpft. Hin­rei­chend gewich­ti­ge Unter­schie­de, wel­che die Schlech­ter­stel­lung der Lebens­part­ner im Grund­er­werb­steu­er­ge­setz in der Fas­sung von 1997 recht­fer­ti­gen könn­ten, bestehen nicht.

Die Pri­vi­le­gie­rung der Ehe­gat­ten gegen­über den Lebens­part­nern lässt sich nicht unter fami­li­en und erbrecht­li­chen Gesichts­punk­ten recht­fer­ti­gen. Ein­ge­tra­ge­ne Lebens­part­ner sind Ehe­gat­ten fami­li­en- und erbrecht­lich gleich­ge­stellt sowie per­sön­lich und wirt­schaft­lich in glei­cher Wei­se in einer auf Dau­er ange­leg­ten, recht­lich ver­fes­tig­ten Part­ner­schaft mit­ein­an­der ver­bun­den. Die der Steu­er­be­frei­ung zugrun­de­lie­gen­de gesetz­ge­be­ri­sche Ver­mu­tung, dass Grund­stücks­über­tra­gun­gen zwi­schen Ehe­gat­ten wie bei den eben­falls steu­er­be­frei­ten nahen Ver­wand­ten häu­fig zur Rege­lung fami­li­en­recht­li­cher Ansprü­che der Ehe­gat­ten unter­ein­an­der oder in Vor­weg­nah­me eines Erb­falls erfol­gen, gilt daher eben­so für ein­ge­tra­ge­ne Lebens­part­ner. Des Wei­te­ren begrün­det die ein­ge­tra­ge­ne Lebens­part­ner­schaft eben­so wie die Ehe eine gegen­sei­ti­ge Unter­halts- und Ein­stands­pflicht, so dass die Ungleich­be­hand­lung auch nicht mit einem aus beson­de­ren recht­li­chen Bin­dun­gen gespeis­ten Fami­li­en­prin­zip zu recht­fer­ti­gen ist.

Schließ­lich kann die Schlech­ter­stel­lung der Lebens­part­ner gegen­über den Ehe­gat­ten auch nicht mit der in der Art. 6 Abs. 1 GG ver­an­ker­ten Pflicht des Staa­tes, Ehe und Fami­lie zu schüt­zen und zu för­dern, gerecht­fer­tigt wer­den. Geht die För­de­rung der Ehe mit einer Benach­tei­li­gung ande­rer Lebens­for­men ein­her, obgleich die­se nach dem gere­gel­ten Lebens­sach­ver­halt und den mit der Nor­mie­rung ver­folg­ten Zie­len der Ehe ver­gleich­bar sind, recht­fer­tigt die blo­ße Ver­wei­sung auf das Schutz­ge­bot der Ehe eine sol­che Dif­fe­ren­zie­rung nicht.

2. Es besteht kei­ne Ver­an­las­sung, den Gesetz­ge­ber von der Pflicht zur rück­wir­ken­den Besei­ti­gung der ver­fas­sungs­wid­ri­gen Rechts­la­ge zu ent­bin­den. Ins­be­son­de­re ist die Wei­ter­gel­tung der für ver­fas­sungs­wid­rig erklär­ten Befrei­ungs­vor­schrif­ten nicht wegen einer zuvor nicht hin­rei­chend geklär­ten Ver­fas­sungs­rechts­la­ge anzu­ord­nen. Eine sol­che, von der grund­sätz­li­chen Rück­wir­kung sowohl einer Nich­tig­keits- als auch Unver­ein­bar­keits­er­klä­rung abwei­chen­de Anord­nung kommt nur im Aus­nah­me­fall in Betracht und bedarf einer beson­de­ren Recht­fer­ti­gung. Allein die Erkennt­nis des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, dass ein Gesetz gegen Bestim­mun­gen des Grund­ge­set­zes ver­stößt, ver­mag indes­sen nicht ohne wei­te­res eine in die­sem Sin­ne zuvor unge­klär­te Ver­fas­sungs­rechts­la­ge zu indi­zie­ren und damit den Gesetz­ge­ber von einer Pflicht zur rück­wir­ken­den Behe­bung ver­fas­sungs­wid­ri­ger Zustän­de zu befrei­en.
Pas­sau emp­fahl, dies zu beach­ten und ggfs. steu­er­li­chen Rat in Anspruch zu neh­men, wobei er dabei u. a. auf den DUV Deut­schen Unter­neh­mens­steu­er Ver­band — www.duv-verband.de — ver­wies.

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Jörg Pas­sau
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