(Kiel) Der 9. Senat des Finanz­ge­richts Müns­ter hat in einem Beschluss vom 29. April 2013 (9 V 240012 K) ernst­li­che Zwei­fel an der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der sog. Zins­schran­ke (§ 4h EStG i.V.m. § 8 Abs. 1, § 8a Abs. 1 KStG) geäu­ßert.

Dar­auf ver­weist der Kie­ler Steu­er­be­ra­ter Jörg Pas­sau, Vize­prä­si­dent und geschäfts­füh­ren­des Vor­stands­mit­glied des DUV Deut­scher Unter­neh­mens­steu­er Ver­band e. V. mit Sitz in Kiel, unter Hin­weis auf die Mit­tei­lung des Finanz­ge­richts (FG) Müns­ter vom 15.05.2013.

Die Zins­schran­ke begrenzt die Mög­lich­keit von Unter­neh­men, Zins­auf­wen­dun­gen als Betriebs­aus­ga­ben abzu­zie­hen. Die Beschrän­kung betrifft Unter­neh­men, deren Zins­auf­wen­dun­gen 3 Mio. EUR über­stei­gen. Zin­sen sind danach — von Aus­nah­men abge­se­hen — grund­sätz­lich nur in Höhe von 30% des um Zins­auf­wen­dun­gen und bestimm­te Abschrei­bun­gen erhöh­ten Ein­kom­mens abzieh­bar. Ver­blei­ben­de, nicht abzieh­ba­re Auf­wen­dun­gen kön­nen ledig­lich in die fol­gen­den Wirt­schafts­jah­re vor­ge­tra­gen wer­den. Die Zins­schran­ke bewirkt daher, dass Zins­auf­wen­dun­gen teil­wei­se nicht in dem Jahr als Betriebs­aus­ga­ben steu­er­min­dernd berück­sich­tigt wer­den, in dem sie ange­fal­len sind.

Im Streit­fall führ­te die Anwen­dung der Zins­schran­ke dazu, dass die Antrag­stel­le­rin — eine GmbH — von den im Jahr 2008 ange­fal­le­nen Zin­sen in Höhe von rund 9,6 Mio. EUR im Jahr 2008 ledig­lich 3,3 Mio. EUR als Betriebs­aus­ga­ben abzie­hen und die wei­te­ren etwa 6,3 Mio. EUR ledig­lich in die Fol­ge­jah­re vor­tra­gen konn­te. Die Antrag­stel­le­rin hält die Rege­lung zur Zins­schran­ke für ver­fas­sungs­wid­rig und begehr­te daher im Rah­men des gericht­li­chen Ver­fah­rens die Aus­set­zung der Voll­zie­hung des Kör­per­schaft­steu­er­be­schei­des 2008. Sie wies dar­auf hin, dass sie durch die Anwen­dung der Zins­schran­ke in Höhe von ca. 600.000 EUR belas­tet sei.

Der 9. Senat hat ernst­li­che Zwei­fel an der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Zins­schran­ke. Mit der Zins­schran­ke sei der Gesetz­ge­ber von sei­ner Grund­ent­schei­dung abge­wi­chen, dass Betriebs­aus­ga­ben in dem Jahr abzieh­bar sind, in dem sie anfal­len und den Steu­er­pflich­ti­gen belas­ten. Die Zins­schran­ke, die ins­be­son­de­re ein­ge­führt wor­den sei, um miss­bräuch­li­che kon­zern­in­ter­ne Gewinn­ver­la­ge­run­gen zu ver­hin­dern, gehe aller­dings in ihrer Wir­kung weit über die Fäl­le miss­bräuch­li­cher Gestal­tun­gen hin­aus. Sie füh­re auch im Bereich übli­cher Fremd­fi­nan­zie­run­gen zu erheb­li­chen Belas­tungs­wir­kun­gen bzw. einer Sub­stanz­be­steue­rung, die beson­ders die Situa­ti­on insol­venz­be­droh­ter Unter­neh­men ver­schlech­tern kön­ne. Es sei zwei­fel­haft, ob die gesetz­li­che Beschrän­kung des Betriebs­aus­ga­ben­ab­zu­ges dem all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz (Art. 3 GG) und dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Gebot der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit ent­spre­che.

Trotz der erheb­li­chen ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken sah sich der 9. Senat aller­dings nicht in der Lage, so Pas­sau, dem Aus­set­zungs­an­trag der Antrag­stel­le­rin zu ent­spre­chen. Bei ernst­haf­ten Zwei­feln an der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit einer dem Ver­wal­tungs­akt zugrun­de­lie­gen­den Rechts­norm kom­me — so der 9. Senat — vor­läu­fi­ger Rechts­schutz in Form einer Aus­set­zung nur nach Abwä­gung des indi­vi­du­el­len Aus­set­zungs­in­ter­es­ses gegen das öffent­li­che Voll­zie­hungs­in­ter­es­se in Betracht. Im Streit­fall las­se sich kein gegen­über dem öffent­li­chen Inter­es­se an dem Geset­zes­voll­zug über­wie­gen­des beson­de­res Aus­set­zungs­in­ter­es­se der Antrag­stel­le­rin — ins­be­son­de­re eine durch die Zins­schran­ke begrün­de­te Exis­tenz­ge­fähr­dung — fest­stel­len. Der Senat folgt damit — umfas­send begrün­det — der von der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­ho­fes bis­her noch über­wie­gend ver­tre­te­nen ein­schrän­ken­den Aus­le­gung des § 69 Abs. 2 Satz 2 FGO.

Wegen der grund­sätz­li­chen Bedeu­tung der Rechts­sa­che hat das Gericht die Beschwer­de zum Bun­des­fi­nanz­hof zuge­las­sen. Neben der Fra­ge der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Zins­schran­ke sieht der Senat aus­drück­lich auch die Klä­rung der Fra­ge, nach wel­chen Maß­stä­ben eine Aus­set­zung der Voll­zie­hung zu gewäh­ren ist, wenn die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit einer Norm gerügt wird, als grund­sätz­lich bedeut­sam an.

Pas­sau emp­fahl, dies zu beach­ten und ggfs. steu­er­li­chen Rat in Anspruch zu neh­men, wobei er dabei u. a. auf den DUV Deut­schen Unter­neh­mens­steu­er Ver­band — www.duv-verband.de — ver­wies.

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Jörg Pas­sau
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