(Kiel) Der Bun­des­fi­nanz­hof (BFH) hat soeben in zwei Revi­si­ons­ver­fah­ren über die Aus­le­gung einer Norm zur sog. Min­dest­be­steue­rung ent­schie­den, die er ursprüng­lich als unver­ständ­lich beur­teilt und des­halb wegen Ver­sto­ßes gegen das ver­fas­sungs­recht­li­che Gebot der Nor­men­klar­keit dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) vor­ge­legt hat­te.

Dar­auf ver­weist der Kie­ler Steu­er­be­ra­ter Jörg Pas­sau, Vize­prä­si­dent und geschäfts­füh­ren­des Vor­stands­mit­glied des DUV Deut­scher Unter­neh­mens­steu­er Ver­band e. V. mit Sitz in Kiel,  unter Hin­weis auf die Mit­tei­lung des Bun­des­fi­nanz­hofs (BFH) vom 25. Mai 2011 zu den Urtei­len vom 09.03.11 —  IX R 7204 und IX R 5605

Das BVerfG hat den Vor­la­ge­be­schluss des BFH als unzu­läs­sig ver­wor­fen (Beschluss vom 12. Okto­ber 2010 2 BvL 5906), so dass der BFH nun zur Anwen­dung der Vor­schrift ver­pflich­tet war. Mit der ab 1. Janu­ar 1999 anzu­wen­den­den und Ende 2003 wie­der ersatz­los gestri­che­nen Rege­lung in § 2 Abs. 3 des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes (EStG) i.d.F. des Steu­er­ent­las­tungs­ge­set­zes 1999÷2000÷2002 (StEntlG) hat­te der Gesetz­ge­ber eine “quel­len­be­zo­ge­ne Min­dest­be­steue­rung” schaf­fen wol­len. Die sprach­lich nahe­zu unver­ständ­li­che und ver­fas­sungs­recht­lich hef­tig umstrit­te­ne Vor­schrift hat­te in der Fach­welt mas­si­ve Kri­tik auf sich gezo­gen. Vor die­sem Hin­ter­grund hat der XI. Senat des BFH mit Beschluss vom 6. Sep­tem­ber 2006 XI R 2604 eine Ent­schei­dung des BVerfG dar­über ein­ge­holt, ob die Norm wegen Ver­let­zung des Grund­sat­zes der Nor­men­klar­heit (Art. 20 Abs. 3, Art. 19 Abs. 4 des Grund­ge­set­zes) ver­fas­sungs­wid­rig ist.

Nach Zurück­wei­sung des Vor­la­ge­be­schlus­ses durch das BVerfG hat­te der inzwi­schen zustän­di­ge IX. Senat in dem — wegen des Vor­la­ge­be­schlus­ses des XI. Senats vor­über­ge­hend aus­ge­setz­ten — Ver­fah­ren IX R 7204 die Fra­ge zu ent­schei­den, ob im Rah­men des Rück­trags eines 1999 erziel­ten Ver­lus­tes in den Ver­an­la­gungs­zeit­raum 1998 § 2 Abs. 3 EStG i.d.F. des StEntlG ange­wen­det wer­den darf. Die Klä­ger — zusam­men ver­an­lag­te Ehe­gat­ten — hat­ten 1999 Ver­lus­te erzielt, die nach § 10d Abs. 1 Satz 1 i.V.m. Satz 5 EStG in das Vor­jahr zurück­zu­tra­gen waren. Das Finanz­amt hat­te die aus 1999 stam­men­den Ver­lus­te nur zum Teil mit posi­ti­ven Ein­künf­ten der Klä­ger aus dem Jahr 1998 ver­rech­net, da es die Auf­fas­sung ver­trat, die Höhe der 1998 zu berück­sich­ti­gen­den Ver­lus­te sei unter ent­spre­chen­der — und damit rück­wir­ken­der — Anwen­dung von § 2 Abs. 3 EStG i.d.F. des StEntlG zu ermit­teln. hier­ge­gen wand­ten sich die Klä­ger, die einen Ver­lus­t­rück­trag in vol­ler Höhe begehr­ten.

Der BFH gab den Klä­gern in vol­lem Umfang recht, so Pas­sau. Denn nach den maß­geb­li­chen Anwen­dungs­be­stim­mun­gen des § 52 Abs. 1 und Abs. 25 Satz 1 EStG i.d.F. des StEntlG sei bei einem nach § 10d EStG zu beur­tei­len­den Rück­trag eines 1999 erziel­ten Ver­lus­tes in das Jahr 1998 § 2 Abs. 3 EStG i.d.F. des StEntlG nicht anzu­wen­den.

In dem — eben­falls vor­über­ge­hend aus­ge­setz­ten — Ver­fah­ren IX R 5605 war die Fra­ge zu ent­schei­den, ob § 2 Abs. 3 EStG i.d.F. des StEntlG ledig­lich auf eine ein­ge­schränk­te Ver­rech­nung sol­cher nega­ti­ver Ein­künf­te, die nicht wirt­schaft­lich erzielt wer­den (sog. “unech­te” Ver­lus­te), zielt oder ob unter den Wort­laut der Norm auch sol­che Ver­lus­te fal­len, die tat­säch­lich wirt­schaft­lich erzielt wer­den (sog. “ech­te” Ver­lus­te). Die Klä­ger — zusam­men ver­an­lag­te Ehe­gat­ten — hat­ten im Jahr 1997 eine GmbH & Co. KG gegrün­det, die in der Anlauf­pha­se ihrer Tätig­keit aus­schließ­lich nega­ti­ve Ein­künf­te aus Gewer­be­be­trieb (§ 15 Abs. 1 Nr. 1 EStG) erziel­te. Das Finanz­amt ließ von dem ein­heit­lich und geson­dert fest­ge­stell­ten Gewer­be­ver­lust ledig­lich einen nach § 2 Abs. 3 EStG i.d.F. des StEntlG ermit­tel­ten Teil­be­trag zum Ver­lust­aus­gleich mit ande­ren posi­ti­ven Ein­künf­ten der Klä­ger zu. Hier­ge­gen wand­ten sich die Klä­ger, die den Aus­gleich aller Ver­lus­te begehr­ten. Sie tru­gen vor, dass ihnen durch die teil­wei­se Nicht­be­rück­sich­ti­gung der gewerb­li­chen Ver­lus­te nicht ein­mal das Exis­tenz­mi­ni­mum ver­blei­be.

Der BFH gab auch in die­sem Ver­fah­ren den Klä­gern in vol­lem Umfang Recht. § 2 Abs. 3 EStG i.d.F. des StEntlG bedür­fe der Aus­le­gung, da der Wort­laut der Norm für sich genom­men kei­nen ein­deu­ti­gen Sinn erge­be. Die Rege­lung sei wirt­schaft­lich zu ver­ste­hen und unter Berück­sich­ti­gung des Norm­zwecks, der ver­fas­sungs­recht­li­chen Gren­zen des Besteue­rungs­ein­griffs sowie des gesetz­ge­be­ri­schen Wil­lens dahin aus­zu­le­gen, dass die mit ihr ver­bun­de­ne Ein­schrän­kung der Ver­lust­ver­rech­nung nur sog. “unech­te” Ver­lus­te betref­fe: Dabei zähl­ten nega­ti­ve Ein­künf­te jeden­falls inso­weit zu den “unech­ten” Ver­lus­ten, als sie auf die Inan­spruch­nah­me von Son­der­ab­schrei­bun­gen zurück­zu­füh­ren sei­en. Dem­ge­gen­über könn­ten tat­säch­lich wirt­schaft­lich erziel­te “ech­te” Ver­lus­te — wie die von den Klä­gern erziel­ten nega­ti­ven gewerb­li­chen Ein­künf­te — bei der Bil­dung der Sum­me der Ein­künf­te nach § 2 Abs. 3 Satz 1 EStG i.d.F. des StEntlG in vol­lem Umfang hori­zon­tal und ver­ti­kal aus­ge­gli­chen wer­den.

Pas­sau emp­fahl, dies zu beach­ten und ggfs. steu­er­li­chen und/oder steu­er­straf­recht­li­chen Rat in Anspruch zu neh­men, wobei er dabei u. a. auf den DUV Deut­schen Unter­neh­mens­steu­er Ver­band — www.duv-verband.de — ver­wies.

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