(Kiel) Der Bun­des­fi­nanz­hof (BFH) hat unter Ände­rung sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung soeben ent­schie­den, dass zur Gel­tend­ma­chung von Krank­heits­kos­ten als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tun­gen der Nach­weis einer Krank­heit und der medi­zi­ni­schen Indi­ka­ti­on der Behand­lung nicht mehr zwin­gend durch ein vor Beginn der Behand­lung ein­ge­hol­tes amts- oder ver­trau­ens­ärzt­li­ches Gut­ach­ten bzw. Attest eines öffent­lich-recht­li­chen Trä­gers geführt wer­den muss. Der Nach­weis kann viel­mehr auch noch spä­ter und durch alle geeig­ne­ten Beweis­mit­tel geführt wer­den.

Dar­auf ver­weist der Kie­ler Steu­er­be­ra­ter Jörg Pas­sau, Vize­prä­si­dent und geschäfts­füh­ren­des Vor­stands­mit­glied des DUV Deut­scher Unter­neh­mens­steu­er Ver­band e. V. mit Sitz in Kiel, unter Hin­weis auf die am 19.01.2011 bekannt gege­be­nen Ent­schei­dun­gen des Bun­des­fi­nanz­hofs (BFH) vom 11. Novem­ber 2010 VI R 1709 und VI R 1609.

Nach § 33 Abs. 1 des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes (EStG) wird die Ein­kom­men­steu­er auf Antrag ermä­ßigt, wenn einem Steu­er­pflich­ti­gen zwangs­läu­fig grö­ße­re Auf­wen­dun­gen als der über­wie­gen­den Mehr­zahl der Steu­er­pflich­ti­gen glei­cher Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se, glei­cher Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se und glei­chen Fami­li­en­stands (außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung) erwach­sen. Hier­zu gehö­ren ins­be­son­de­re Krank­heits­kos­ten und zwar auch dann, wenn sie der Hei­lung oder Lin­de­rung einer Krank­heit die­nen, unter der ein unter­halts­be­rech­tig­tes min­der­jäh­ri­ges Kind des Steu­er­pflich­ti­gen lei­det.

Im Ver­fah­ren VI R 1709 stand die Abzugs­fä­hig­keit von Auf­wen­dun­gen zur Behand­lung einer Lese- und Recht­schreib­schwä­che in Streit. Der Sohn der Klä­ger besuch­te auf ärzt­li­ches Anra­ten ein Inter­nat mit inte­grier­tem Leg­asthe­nie­zen­trum. Die Klä­ger hat­ten auf die Über­nah­me der Schul­kos­ten durch den Land­kreis ver­zich­tet. Statt des­sen mach­ten sie den Schul­bei­trag, Kos­ten für Unter­kunft und Ver­pfle­gung sowie The­ra­pie­kos­ten als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tun­gen erfolg­los beim Finanz­amt gel­tend. Auch die dar­auf­hin erho­be­ne Kla­ge blieb ohne Erfolg. Denn Auf­wen­dun­gen für eine Leg­asthe­nie­t­he­ra­pie (im Streit­fall mit Unter­brin­gung in einem ent­spre­chen­den Inter­nat) sei­en nur dann als Krank­heits­kos­ten gemäß § 33 EStG zu berück­sich­ti­gen, wenn der Lese- und Recht­schreib­schwä­che Krank­heits­wert zukom­me und die Auf­wen­dun­gen zum Zwe­cke ihrer Hei­lung oder Lin­de­rung getä­tigt wür­den. Dies sei nach stän­di­ger Recht­spre­chung des BFH durch Vor­la­ge eines vor der Behand­lung aus­ge­stell­ten amts­ärzt­li­chen Attes­tes oder eines Attes­tes des medi­zi­ni­schen Diens­tes einer öffent­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung nach­zu­wei­sen.

In der Sache VI R 1609 war strei­tig, ob die Anschaf­fungs­kos­ten für neue Möbel als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tun­gen zu berück­sich­ti­gen sind, wenn sich die Klä­ger wegen Asth­ma­be­schwer­den ihres Kin­des zum Erwerb ver­an­lasst sehen. Auch hier blieb die Kla­ge vor dem Finanz­ge­richt (FG) ohne Erfolg, da die kon­kre­te Gesund­heits­ge­fähr­dung durch die alten Möbel nicht durch ein amts­ärzt­li­chen Attest nach­ge­wie­sen wor­den sei.

Auf die Revi­si­on der Klä­ger hat der BFH bei­de Vor­ent­schei­dun­gen auf­ge­ho­ben, so Pas­sau, und unter Ände­rung der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung ent­schie­den, dass Krank­heit und medi­zi­ni­sche Indi­ka­ti­on der den Auf­wen­dun­gen zugrun­de­lie­gen­den Behand­lung nicht län­ger vom Steu­er­pflich­ti­gen nur durch ein amts- oder ver­trau­ens­ärzt­li­ches Gut­ach­ten bzw. ein Attest eines ande­ren öffent­lich-recht­li­chen Trä­gers nach­ge­wie­sen wer­den kön­nen.

Ein solch for­ma­li­sier­tes Nach­weis­ver­lan­gen erge­be sich nicht aus dem Gesetz und wider­spre­che dem Grund­satz der frei­en Beweis­wür­di­gung. Die­se oblie­ge dem FG. Das FG und nicht der Amts­arzt oder eine ver­gleich­ba­re Insti­tu­ti­on habe die erfor­der­li­chen Fest­stel­lun­gen zu tref­fen. Zwar ver­fü­ge das FG nicht über eine medi­zi­ni­sche Sach­kun­de und müs­se des­halb regel­mä­ßig ein ärzt­li­ches Gut­ach­ten über die Indi­ka­ti­on der strei­ti­gen Maß­nah­me ein­ho­len. Es sei aber nicht ersicht­lich war­um nur ein Amts­arzt oder etwa der medi­zi­ni­sche Dienst einer öffent­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung, nicht aber ein ande­rer Medi­zi­ner die erfor­der­li­che Sach­kun­de und Neu­tra­li­tät besit­zen soll, die medi­zi­ni­sche Indi­ka­ti­on von nicht nur für Kran­ke nütz­li­che Maß­nah­men objek­tiv und sach­ver­stän­dig beur­tei­len zu kön­nen. Die Befürch­tung der Finanz­be­hör­den und des dem Ver­fah­ren bei­getre­te­nen Bun­des­mi­nis­te­ri­ums der Finan­zen, es könn­ten Gefäl­lig­keits­gut­ach­ten erstat­tet wer­den, teil­te der BFH nicht. Auch sei das Ver­lan­gen nach einer amts­ärzt­li­chen oder ver­gleich­ba­ren Stel­lung­nah­me zur Miss­brauchs­ab­wehr nicht erfor­der­lich. Denn durch ein von einem Betei­lig­ten vor­ge­leg­tes Pri­vat­gut­ach­ten, bei­spiels­wei­se des behan­deln­den Arz­tes kön­ne der Nach­weis der Rich­tig­keit des klä­ge­ri­schen Vor­trags und damit der medi­zi­ni­schen Indi­ka­ti­on einer Heil­maß­nah­me ohne­hin nicht geführt wer­den. Ein sol­ches sei ledig­lich als urkund­lich beleg­ter Par­tei­vor­trag zu wür­di­gen.

Dar­über hin­aus hat der BFH in dem Ver­fah­ren VI R 1709 ent­schie­den, dass der Ver­zicht auf die Inan­spruch­nah­me von Sozi­al­leis­tun­gen dem Abzug von Krank­heits­kos­ten als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung nach § 33 EStG nicht ent­ge­gen­steht.

 Pas­sau emp­fahl, dies beach­ten und ggfs. steu­er­li­chen Rat in Anspruch zu neh­men, wobei er dabei u. a. auf den DUV Deut­schen Unter­neh­mens­steu­er Ver­band — www.duv-verband.de — ver­wies.

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Jörg Pas­sau
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