Pres­se­mit­tei­lung des BFH Nr. 13 vom 10. Febru­ar 2016

Vor­la­ge an das BVerfG: BFH hält Zins­schran­ke für ver­fas­sungs­wid­rig

Beschluss vom 14.10.15 I R 2015

Der Bun­des­fi­nanz­hof (BFH) hat dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) die Fra­ge vor­ge­legt, ob die sog. Zins­schran­ke auf­grund eines Ver­sto­ßes gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz ver­fas­sungs­wid­rig ist (Beschluss vom 14. Okto­ber 2015 I R 2015).

Betrieb­lich ver­an­lass­te Zins­auf­wen­dun­gen sind ent­spre­chend dem sog. Net­to­prin­zip grund­sätz­lich als Betriebs­aus­ga­ben abzieh­bar. Hier­von abwei­chend ord­net § 4h des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes (bei Kör­per­schaf­ten i.V.m. § 8a des Kör­per­schaft­steu­er­ge­set­zes) eine Abzugs­be­schrän­kung für Zins­auf­wen­dun­gen an, die den Zins­er­trag über­stei­gen.

Die­ser sog. nega­ti­ve Zins­sal­do ist nicht abzieh­bar, soweit er 30 Pro­zent des “ope­ra­ti­ven” Gewinns (heu­te: ver­re­chen­ba­res EBITDA) über­steigt (sog. Zins­schran­ke). Der nicht­ab­zieh­ba­re Auf­wand ist in die fol­gen­den Wirt­schafts­jah­re regel­mä­ßig vor­zu­tra­gen. Die Zins­schran­ke steht dem Betriebs­aus­ga­ben­ab­zug aller­dings nicht ent­ge­gen, wenn der nega­ti­ve Zins­sal­do des Unter­neh­mens weni­ger als drei Mil­lio­nen Euro beträgt oder die Eigen­ka­pi­tal­quo­te des kon­zern­an­ge­hö­ri­gen Unter­neh­mens die­je­ni­ge des Kon­zerns um nicht mehr als 2 Pro­zent unter­schrei­tet (sog. Eigen­ka­pi­tal-Escape) oder bei Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten kei­ne sog. schäd­li­che Gesell­schaf­ter­fremd­fi­nan­zie­rung vor­liegt.

Den Ver­stoß gegen den Gleich­heits­satz des Grund­ge­set­zes begrün­det der BFH damit, dass die Zins­schran­ke das Gebot der fol­ge­rich­ti­gen Aus­ge­stal­tung des Ertrag­steu­er­rechts nach Maß­ga­be der finan­zi­el­len Leis­tungs­fä­hig­keit des Steu­er­pflich­ti­gen ver­letzt. Sie miss­ach­te das objek­ti­ve Net­to­prin­zip, da nicht mehr das Net­to­ein­kom­men der Besteue­rung zugrun­de gelegt wer­de. Das Abzugs­ver­bot recht­fer­ti­ge sich man­gels fol­ge­rich­ti­ger Umset­zung auch weder durch den vom his­to­ri­schen Gesetz­ge­ber ange­führ­ten Zweck der Eigen­ka­pi­tal­stär­kung noch durch das Ziel der Siche­rung des deut­schen Steu­er­sub­strats. Glei­ches gel­te für das Anlie­gen, unkal­ku­lier­ba­re Steu­er­aus­fäl­le zu ver­mei­den.

Im Streit­fall wur­de die Zins­schran­ke bei der zu einem inlän­di­schen Kon­zern gehö­ren­den Kapi­tal­ge­sell­schaft, die in der Immo­bi­li­en­bran­che tätig ist, ange­wandt und der Betriebs­aus­ga­ben­ab­zug nach Maß­ga­be der Zins­schran­ke begrenzt; der zum Ende des ers­ten Streit­jah­res fest­ge­stell­te Zins­vor­trag ent­fiel dar­über hin­aus im Fol­ge­jahr infol­ge einer betriebs­be­zo­ge­nen Umstruk­tu­rie­rung. Die Steu­er­be­las­tung in die­sem “rei­nen Inlands­fall” (kei­ne Finan­zie­rung aus dem Aus­land) wer­tet der BFH aus den vor­ge­nann­ten Grün­den als gleich­heits­wid­ri­gen Ein­griff in den Kern­be­reich des ertrag­steu­er­recht­li­chen Net­to­prin­zips, der auch nicht durch den Aspekt der Miss­brauchs­ver­hin­de­rung gerecht­fer­tigt wer­den kön­ne.

Bereits in sei­nem Beschluss vom 18. Dezem­ber 2013 I B 8513 hat­te der BFH in einem sum­ma­ri­schen Ver­fah­ren Zwei­fel an der Ver­fas­sungs­kon­for­mi­tät der Zins­schran­ke geäu­ßert. Dazu hat­te das Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Finan­zen (BMF) am 13. Novem­ber 2014 einen sog. Nicht­an­wen­dungs­er­lass ange­ord­net. Das BMF begrün­de­te dies ins­be­son­de­re mit den “Gefah­ren für die öffent­li­chen Haus­hal­te”.

sie­he auch: Ent­schei­dung des I. Senats vom 14.10.2015 — I R 2015 -, Beschluss des I. Senats vom 18.12.2013 — I B 8513 -

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