Pres­se­mit­tei­lung des BFH Nr. 65 vom 25. Okto­ber 2017

Kein Kin­der­geld­an­spruch bei Bezug von Arbeits­lo­sen­geld II und Erwerbs­tä­tig­keit des ande­ren Eltern­teils im EU-Aus­land — Bin­dungs­wir­kung aus­län­di­scher Behör­den­ent­schei­dun­gen

Urteil vom 26.7.2017 III R 1816

Bezieht der im Inland woh­nen­de Eltern­teil nur Arbeits­lo­sen­geld II, nicht aber Arbeits­lo­sen­geld I, besteht im Inland kein Kin­der­geld­an­spruch, wenn der ande­re Eltern­teil im EU-Aus­land erwerbs­tä­tig ist und dort Kin­der­geld erhält. Wie der Bun­des­fi­nanz­hof (BFH) mit Urteil vom 26. Juli 2017 III R 1816 zudem ent­schie­den hat, kommt bei der Prü­fung, ob für das Kind eine dem Kin­der­geld ver­gleich­ba­re aus­län­di­sche Leis­tung gewährt wird, den Ent­schei­dun­gen aus­län­di­scher Behör­den Bin­dungs­wir­kung für die Fami­li­en­kas­sen und die Finanz­ge­rich­te zu.

Im Streit­fall wohn­te die Klä­ge­rin mit ihrer min­der­jäh­ri­gen Toch­ter seit Juli 2013 in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land (Deutsch­land). Sie erhielt Grund­si­che­rungs­leis­tun­gen für erwerbs­fä­hi­ge Leis­tungs­be­rech­tig­te nach §§ 7 Abs. 1, 19 Abs. 1 des Sozi­al­ge­setz­buchs (SGB) II (Arbeits­lo­sen­geld II), nicht aber anwart­schafts­be­zo­ge­ne Leis­tun­gen nach §§ 118, 142, 143 SGB III (Arbeits­lo­sen­geld I). Der Kinds­va­ter wohn­te in Frank­reich und war dort erwerbs­tä­tig. Er erhielt eine dem Kin­der­geld ver­gleich­ba­re höhe­re fran­zö­si­sche Fami­li­en­leis­tung. Die Fami­li­en­kas­se hob daher die Fest­set­zung des Kin­der­gel­des auf.

Das Finanz­ge­richt (FG) gab der Kla­ge statt, da zum einen der Kinds­va­ter nach dem vom FG über­prüf­ba­ren fran­zö­si­schen Recht kei­nen Anspruch auf Kin­der­geld gehabt habe. Zudem wür­de selbst ein Kin­der­geld­an­spruch des Vaters nach fran­zö­si­schem Recht den Anspruch auf deut­sches Kin­der­geld nach Art. 68 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 8832004 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 29. April 2004 zur Koor­di­nie­rung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit (VO Nr. 8832004), der § 65 des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes vor­geht, nicht aus­schlie­ßen.

Der BFH hob das Urteil auf und wies die Kla­ge ab. Die posi­ti­ve Ent­schei­dung, mit der die zustän­di­ge aus­län­di­sche (hier: fran­zö­si­sche) Behör­de einen Kin­der­geld­an­spruch nach ihrem Recht bejaht hat, ist für die Fami­li­en­kas­se bin­dend, soweit die Aus­le­gung von Uni­ons­recht nicht betrof­fen ist. Die Fami­li­en­kas­se und das FG sind daher nicht befugt, die Rich­tig­keit die­ser posi­ti­ven aus­län­di­schen Ent­schei­dung zu über­prü­fen und selbst das aus­län­di­sche Recht fest­zu­stel­len und anzu­wen­den.

Des Wei­te­ren ent­schied der BFH, dass das Arbeits­lo­sen­geld II als Leis­tung zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts für Arbeit­su­chen­de nach dem SGB II kei­ne Leis­tung bei Arbeits­lo­sig­keit im Sin­ne der euro­pa­recht­li­chen Bestim­mung ist (Art. 11 Abs. 2, Abs. 3 Buchst. c der VO Nr. 8832004). Das Arbeits­lo­sen­geld II hat kei­ne an einen bis­he­ri­gen Ver­dienst anknüp­fen­de Ent­gel­ter­satz­funk­ti­on. Der Emp­fän­ger von Arbeits­lo­sen­geld II erhält sei­ne Leis­tung nicht auf­grund oder infol­ge sei­ner vor­he­ri­gen Beschäf­ti­gung. Anspruchs­vor­aus­set­zung sind nur die Anfor­de­run­gen des § 7 Abs. 1 SGB II (Alters­gren­ze, Erwerbs­fä­hig­keit, Hil­fe­be­dürf­tig­keit und gewöhn­li­cher Auf­ent­halt in Deutsch­land). Das Arbeits­lo­sen­geld II ist daher eine bei­trags­un­ab­hän­gi­ge Geld­leis­tung i.S. des Art. 70 der VO Nr. 8832004.

Dies hat für den Streit­fall zur Fol­ge, dass der Anspruch des erwerbs­tä­ti­gen Kinds­va­ters nach Art. 68 Abs. 1 Buchst. a der VO Nr. 8832004 vor­ran­gig war und Deutsch­land als nach­ran­gi­ger Staat nicht ver­pflich­tet war, Kin­der­geld zu zah­len.

sie­he auch: Urteil des III. Senats vom 26.7.2017 — III R 1816 -

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